Die Unsicherheits-Falle: Das Entscheidungsverhalten des Menschen in ungewissen Situationen
Warum die Mehrheit der Anleger zu teuer kauft und zu billig verkauft: Das merkwürdige Entscheidungsverhalten des Menschen in ungewissen Situationen. Erkenntnisse aus dem Forschungsfeld der "Behavioural Finance".
Im Grunde taugen wir Menschen überhaupt nicht als rationale Investoren.
Unser gesamter, hochkomplexer Mechanismus, mit dem wir unsere Umwelt
wahrnehmen und ständig Entscheidungen mit ungewissem Ergebnis fällen
müssen, ist für das wirkliche Leben konstruiert. Für Situationen, in
denen Mathematik und wirtschaftliches Verständnis vorausgesetzt wären,
sind wir schlicht nicht ausreichend ausgestattet. Keines unserer Organe
ist darauf vorbereitet, aus einer brutalen Fülle von Markt- und
Börseninformationen schlüssige Information zu extrahieren und uns
demzufolge „rational“ zu entscheiden. Statt dessen agieren Menschen an
den Börsen nicht anders, als sie es in tausenden Jahren
Menschheitsgeschichte lernen mussten: Sie vereinfachen das zu Komplexe,
sehen, was sie sehen wollen, reagieren impulsiv und im Einklang mit den
Stammesangehörigen. Das ist im wirklichen Leben auch gar nicht so übel.
Stellen Sie sich vor, Sie schwimmen am Strand von Palm Beach und
plötzlich schreit jemand „Shark Attack“. Würden Sie eine statistische
Analyse über die Wahrscheinlichkeit anstellen, ob der Warnruf auf einer
tatsächlichen Hai-Sichtung beruht? Sicher nicht. Sie würden einen Zahn
zulegen und sehen, dass Sie Ihren gebräunten Body aus dem Wasser
bekommen. Vielleicht würden Sie hinterher analysieren, was es denn nun
mit der Warnung auf sich hatte. Aber das wäre gefahrlos – schließlich
stehen Sie ja schon wieder auf dem Trockenen. Sehen Sie, so läuft das
auch an der Börse. Die smarten Anzugträger im Börse-TV erklären uns
hinterher immer ganz plausibel, warum irgendeine „unerwartet heftige“
Kursbewegung geradezu eintreten musste. Hätten sie das nur ein paar
Stunden vorher gewusst, wir hätten eine Menge Geld gespart. Nein, das
war jetzt kein weiterer Seitenhieb gegen das Unvermögen von Experten,
auch nur die allernächste Zukunft auf den Märkten vorherzusagen. Es
geht einfach darum klarzumachen, dass sich die Betrachtungen in diesem
Beitrag immer auf Entscheidungssituationen in Ungewissheit beziehen.
Alles, was hier beschrieben wird, gilt für Situationen, in denen wir
keine Sicherheit über die unmittelbare Konsequenz unserer
Entscheidungen haben.
Das seltsame Verhalten von Menschen in ungewissen Entscheidungssituationen
Unsicherheit ist der ständige Begleiter jedes Investors. Beim Einstieg
in eine Position, während wir ein bestimmtes Wertpapier halten und beim
Zeitpunkt des Verkaufs. Wir wissen nie, ob eine Aktie nicht gerade dann
beginnt zu fallen, wenn wir sie gekauft haben. Wir haben keinerlei
Sicherheit, ob das Papier nicht gerade dann eine Rally hinlegt, wenn
wir es abge-stoßen haben. Kurz: Jede Entscheidung, die ein Investor
oder Trader trifft, kann sich im Nachhinein ebenso gut als richtig wie
als falsch herausstellen. So weit, so schlecht. Denn das seltsame am
menschlichen Entscheidungsverhalten unter Unsicherheit ist: Es ist
nützlich im wirklichen Leben und schützt uns etwa davor, von Haien
gefressen zu werden. Es ist aber meistens untauglich, wenn es um Geld
geht. Glauben Sie nicht? Machen wir den Test:
A: Nehmen wir an, der legendäre Onkel aus Amerika vermacht Ihnen
unverhofft 100.000 Euro, die Sie sofort ausbezahlt bekommen. Sie dürfen
den Betrag und auch den daraus erzielten Gewinn behalten, wenn Sie die
100.000 so investieren, dass Sie innerhalb eines Jahres 10 % Gewinn
machen. Versagen Sie, -müssen Sie den verbliebenen Rest zurückgeben.
Ihre zwei-te Möglichkeit: Sie können sofort auf die Hälfte verzichten
und nur 50.000 erben. Was tun Sie? Notieren Sie Ihre Entscheidung,
bevor Sie weiter lesen.
B: Und jetzt – Gedankenexperiment Nummer Zwei: Angenommen, Sie erhalten
einen Lotteriegewinn von 50.000 Euro unter folgender Bedingung: Sie
dürfen das Geld nicht behalten, sondern müssen es sofort wieder
investieren und innerhalb eines Jahres um mindestens 5.000 Euro
vermehren. Schaffen Sie das, erhalten Sie in einem Jahr nochmals
50.000. Falls nicht, verlieren Sie auch den ursprünglichen Gewinn. Sie
können aber auch einfach sofort 50.000 ohne weitere Verpflichtung
nehmen. Was tun Sie in diesem Fall? Notieren Sie Ihre Entscheidung auch
für dieses Spiel.
Auf den Bezugspunkt kommt es an
Rein ökonomisch betrachtet, sind beide Alternativen gleichwertig. Sie
stehen vor der Möglichkeit, 50.000 sicher zu gewinnen, oder durch das
Eingehen eines kalkulierbaren Risikos, Ihren Gewinn zu verdoppeln.
Haben Sie sich in beiden Fällen gleich entschieden? Dann gehören Sie zu
einer Minderheit. Die Mehrheit dagegen entscheidet sich in Alternative
A für das Risiko und in Alternative B für den sicheren, risikolosen
Gewinn. Warum? Der Unterschied liegt ausschließlich an der
Formulierung. „Sie bekommen sofort“, „dürfen behalten“ und „sonst
müssen Sie verzichten“. Das sind Formulierungen, die suggerieren, dass
wir etwas wieder hergeben müssten, das uns schon gehört. Wer tut das
schon freiwillig? Beispiel B dagegen lässt die Risiko-Variante weniger
attraktiv erscheinen – auch wenn das nur in der Formulierung liegt.
Daniel Kahnemann war nicht der erste Wissenschaftler, dem solche
merkwürdigen Unterschiede aufgefallen sind. Zwei objektiv gleichwertige
Alternativen, die subjektiv völlig unterschiedlich bewertet werden.
Seltsam, aber erklärbar: Man nennt diesen Effekt „semantisches Framing“
und er wurde oftmals mit verschiedenen Aufgabenstellungen überprüft.
Eines der simpelsten Beispiele für menschliche Fehlentscheidungen ist
ein optisches Rätsel: Welches der beiden kleinen, inneren Quadrate ist
heller?

Für alle, die dieses Beispiel dafür, wie einfach sich unsere Sinne
täuschen lassen, noch nicht kennen, ist die Auflösung verblüffend:
Beide inneren Quadrate sind in Farbe, Helligkeit und Größe exakt gleich
(in diesem Fall 60% Schwarz). Was sie für uns unterschiedlich hell
erscheinen lässt, ist der Bezugspunkt, den die beiden äußeren, großen
Quadrate unserem Auge ganz automatisch aufzwingen.
Oder ein anderes Beispiel, das Sie jederzeit selbst nachstellen können.
Nehmen Sie dafür drei Schalen Wasser mit verschiedenen Temperaturen von
eiskalt über lauwarm bis heiß. Tauchen Sie die Hände in das heiße
Wasser und danach in das lauwarme, und Sie werden das Gefühl haben, in
Eiswasser zu greifen. Tauchen Sie dagegen die Hände zuerst in das
eiskalte Wasser und danach in das lauwarme, wird es Ihnen heiß
erscheinen.
Kahnemanns Leistung – und die seiner Forscherkollegen – bestand darin,
solche aus der Psychologie bekannten Phänomene, mit ökonomischen
Entscheidungsproblemen in schlüssigen Erklärungsmodellen zu vereinen.
Dafür wurde ihm schließlich der Wirtschaftsnobelpreis 2002 zugesprochen.
Ungereimtheiten im menschlichen Umgang mit Entscheidungen unter Unsicherheit haben starke Gemeinsamkeiten:
1.) Wir orientieren uns offenbar automatisch an einem subjektiven
Bezugspunkt und ordnen die Attraktivität von Entscheidungsalternativen
relativ zu diesem Punkt ein.
2.) Wir entscheiden uns in Gewinnsituationen überwiegend für die sicherste Alternative (agieren also „risikoavers“).
3.) Wir entscheiden uns in Verlustsituationen überwiegend für eine riskante Alternative (agieren also „risikoaffin“).
Kahnemanns geniale Kurve
In der „Prospect Theory“ von 1979 fasste Kahnemann diese grundlegenden
Gemeinsamkeiten im Entscheidungsverhalten erstmals in eine
mathematische Funktion, die „Wertefunktion“. Ihr Ergebnis ist eine
Kurve in einem x/y-Koordinatensystem (siehe Abbildung). Erst bei
genauer Betrachtung erschließt sich die Eleganz von Kahnemanns Ansatz:
Der Nullpunkt des Koordinatensystems ist der Bezugspunkt, an dem eine
Person die zur Verfügung stehenden Entscheidungsalternativen misst. Die
Y-Achse misst die Intensität, mit der wir Abweichungen vom Bezugspunkt
wahrnehmen (nach oben und unten nimmt diese Intensität jeweils ab). Die
X-Achse gibt im positiven Bereich die Höhe eines Gewinns und im
negativen Bereich den Wert eines Verlustes an – jeweils relativ zum
Bezugspunkt. Das verblüffende an dieser Art der schematischen
Darstellung: Unsere Aufmerksamkeit, die wir einem Gewinn oder Verlust
beimessen, nimmt ab, je weiter sich deren Höhe vom Bezugspunkt
entfernt. Und: Diese Abnahme der Wahrnehmungsintensität ist deutlich
schneller, wenn wir es mit Verlusten zu tun haben.
Kahnemanns Prospect Theory beschreibt einige Phänomene im menschlichen
Entscheidungsverhalten besser und vor allem einfacher als frühere
Modelle (Sir Karl Popper hätte sie daher wohl als überlegen bezeichnet).
Warum wir zu hoch kaufen und zu tief aussteigen
Die Wertefunktion liefert unter anderem eine der wenigen
praxistauglichen Erklärungen für das wahrscheinlich seltsamste Phänomen
auf den Finanz-märkten, von dem beileibe nicht nur Amateure betroffen
sind: Der durchschnittliche Käufer einer Aktie (oder eines sonstigen
Wertpapiers) neigt dazu, bei einem – im Nachhinein betrachtet – bereits
relativ hohen Preis einzusteigen aber zu tief wieder auszusteigen: Auf
den ersten Blick erscheint das unvernünftig oder gar unlogisch.
Schließlich heißt schon eine der ältesten Börsenregeln: „Kaufe niedrig
und verkaufe hoch“. Das Problem dabei: Jede Kaufentscheidung fällt
immer unter Unsicherheit über deren Ergebnis. Was „hoch“ ist,
entscheidet sich eben erst im Rückblick – also in der Zukunft. Ebenso
wissen wir erst nach einer abgeschlossenen Transaktion, was „tief“ ist.
Der Mensch ist also darauf angewiesen, einen Bezugspunkt zu verwenden.
Den findet er entweder in neu publizierten Analystenratings
(„Heraufstufung auf outperform, Kursziel bei 17 Euro“), in den Gewinnen
der betrachteten Vergangenheit, die bewusst oder unbewusst extrapoliert
werden oder auch im Verhalten der Masse („die Aktie steigt jetzt schon
zwei Tage bei hohen Umsätzen, da müssten doch noch ein paar Prozente
drin sein.“). In allen diesen Fällen investiert der Anleger aber in
einen Wert, der bereits gestiegen ist! Und es ist keineswegs sicher
oder auch nur wahrscheinlicher als der umgekehrte Fall, dass die
Wertsteigerung anhält.
Wenn unser Anleger nun entschieden hat, eine bestimmte Aktie zu kaufen,
bleibt der Bezugspunkt nicht etwa derselbe. Es bildet sich vielmehr ein
neuer, der in aller Regel gleich dem Kaufpreis ist (nur die wenigsten
Anleger addieren in Ihrem geistigen Wahrnehmungskonto auch die Spesen
und anteilige Depotgebühren hinzu). Nehmen wir also an, Peter
Mustermann entschließt sich zum Kauf von 100 Aktien der Gut & Schön
AG zum Preis von je 10 Euro. Dieses Paket repräsentiert für ihn also
einen Wert von 1.000 Euro – gleichzeitig Mustermanns (neuer)
Bezugspunkt. Wenn nun der Kurs der Aktie um 10 Cent sinkt, ist der
Verlust noch relativ nahe dem Bezugspunkt und unser Anleger wird sich
vermutlich ärgern. Gleichzeitig könnte er beschließen, noch ein wenig
zu warten, ob sich der Kurs nicht wieder erholt. Fällt die Aktie jetzt
weiter, wird der Ärger durch den raschen Abfall der
Wahr-nehmungsintensität im Verlustbereich sehr schnell einer Art
Fatalismus weichen. Mustermann könnte sich etwa so etwas ähnliches
sagen wie: „Jetzt macht es auch schon keinen Unterschied mehr, ob ich
auf ein Comeback des Titels hoffe, oder er noch mehr verliert. Viel
tiefer kann es ohnehin nicht mehr gehen. Also vergesse ich diese Aktie
einfach bis auf weiteres.“ Kommt Ihnen dieses Verhalten bekannt vor?
Tausende und Abertausende Anleger haben mit ähnlichen inneren Monologen
den Zeitpunkt für einen anständigen Ausstieg aus dem rapide fallenden
Technologiemarkt der Jahre 2000 und 2001 verschlafen und Milliarden
verloren.
Was wäre dagegen geschehen, wenn die Aktien der Gut & Schön AG
gestiegen wären? Sehen wir uns das auf Kahnemanns Wertekurve an. Auch
hier beginnt nach anfänglicher Freude über den Wertzuwachs, die
Aufmerksamkeit des Anlegers abzunehmen. Verschafft ihm der erste Euro
noch einen klaren Glücksgewinn, so ist der zweite schon nicht mehr so
stark wahrzunehmen. Je nach Persönlichkeit des Anlegers überwiegt die
Angst, dass die Aktie wieder fallen könnte, die Freude über den Gewinn.
Mustermann wird den Titel im Idealmodell exakt zu diesem Zeitpunkt
abstoßen. Dass er vielleicht genau zu jenem Zeitpunkt ausgestiegen ist,
als die Rally so richtig losging, sieht Mustermann – wenn überhaupt,
dann im Nachhinein.
Erkennen Sie die Gemeinsamkeit der beiden Szenarien: In beiden erfolgt
der Ausstieg auf niedrigerem Niveau als es im Rückblick gut gewesen
wäre.
Bis zu den Forschungen Kahnemanns und seiner Kollegen Amos Twersky,
Shane Frederick sowie einer Reihe anderer Vertreter der „Behavioural
Finances“ mussten Erklärungsmodelle aus der Massenpsychologie für alle
scheinbar „unvernünftigen“ Anlegerentscheidungen herhalten.
„Herdentrieb“, „Massenpanik“ oder „Goldrausch“-Bewegungen gibt es
natürlich, aber so alltägliche Entscheidungsfehler wie die oben
beschriebenen, sind wohl doch eher im Individuum begründet und sehr
tief verwurzelt. Und was nützt dieses Wissen? Sind wir unseren inneren
Bezugspunkten ganz und gar ausgeliefert?
Natürlich nicht. Aber es kostet höchste Anstrengung, gegen unser
offenbar angeborenes Bewertungssystem zu arbeiten. Erfolgreiche Trader,
die mit diskretionären Entscheidungsmodellen arbeiten, sind rar und
verfallen in bestimmten Situationen doch wieder in das Grundmuster.
Nicht umsonst ist das Computer gestützte systematische Tradingmodell im
Gefolge der seit den 1970er Jahren verstärkt angestellten Forschungen
auf dem Gebiet der Behavioural Finances immer populärer geworden. Nach
dem Motto: Ein Computer hat keine subjektiven Bezugspunkte und kann
sich von diesen daher auch nicht täuschen lassen.
>>Ausgewählte Quellen: Daniel Kahnemann; „Maps of Bounded
Rationality: A Perspective on Intuitive Judgment and Choice“, Nobel
Price Lecture 2002; nobelprice.org.
Joachim Goldberg & Rüdiger v. Nitzsch; „Behavioural Finance“,
FinanzBuch Verlag, 2000.<<
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