Das Magazin für technisches Trading | Ausgabe: 03/2009 |
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Paradigmenwechsel im Asset Management - Teil 1: Der Buy & Hold-Mythos entzaubertModelle, auf die sich Millionen von Anlegern bei der Konstruktion ihrer Portfolios in der Vergangenheit verlassen haben, sind bei weitem nicht so robust, wie sie sein sollten. Das Ausnahmejahr 2008 war ein klarer Beleg dafür. FUTURES untersucht die wichtigsten Paradigmen „klassischer“ Modelle und erklärt deren Grenzen. Teil 1 beschäftigt sich mit den Grundlagen und untersucht die Annahme, dass „buy & hold“ für Aktieninvestments zum Erfolg führt.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit für „Kopf“ oder „Zahl“ als Ergebnis des Wurfes einer fairen (also nicht manipulierten) Münze? Die Antwort ist heute Allgemeingut, oder „Common Sense“, wie man im anglo-amerikanischen Sprachraum sagen würde: 1:1, 50 %, 0,5 oder 1/2 – etwas davon wird jeder durchschnittlich begabte Schüler zwischen Tokyo und Los Angeles parat haben. „Common Sense“: manchmal nur ein Näherungswert
Die Physik freilich lehrt uns, dass all diese Antworten nur fast korrekt sind. Die Münze könnte nach einem Wurf auch exakt auf ihrer Kante stehen bleiben, wenn auch mit äußerst geringer Wahrscheinlichkeit. Nach einer sehr, sehr langen Reihe aus Gewinnen für Köpfe oder Zahlen müssen wir also irgendwann einmal mit einem Unentschieden rechnen. Dieses sehr seltene Ereignis können wir im Alltag freilich ohne weiteres vernachlässigen, so wie auch viele andere Ereignisse mit geringer Wahrscheinlichkeit. Es macht eben – nur zum Beispiel – keinen Sinn, sich gegen einen möglichen Wintereinbruch im August zu wappnen, wenn man Bauer in der Toskana ist. Die Kosten dafür wären ungleich höher als der potenzielle Schaden. Der induktive Truthahn
Was damit gemeint ist, verdeutlicht Taleb in seinem Buch „The Black Swan“ mit einem Gedankenexperiment, das dem Philosophen Bertrand Russell zugeschrieben wird: Darin haben wir einen Truthahn als Hauptdarsteller, der irgendwann feststellt, dass er jeden Tag zu einer bestimmten Zeit gefüttert wird. Er beschließt nun, dieser Regelmäßigkeit mit empirischen Mitteln auf den Grund zu gehen. Dazu zeichnet er alle künftigen Fütterungszeiten auf. Er stellt dabei fest, dass er immer um 9 Uhr 15 Futter erhält. Das gilt für jeden Wochentag und auch über die Jahreszeiten kann er keine Abweichung feststellen. Die Annahme: „Ich werde jeden Tag um viertel nach neun gefüttert,“ verdichtet sich schließlich zur Gewissheit. Dann kommt der Morgen vor Weihnachten und der Truthahn erhält statt seines morgendlichen Futters eine Einladung zum Abendessen: Als Hauptgang. Spiele mit extremem Ausgang
Bei der klassischen Münzwurf-Wette hätte das extrem seltene Unentschieden keine Folgen. Wenn wir die Spielregel aber abwandeln und als Folge aus einem Münzwurf mit dem Ergebnis Kante einen Verlust des Gesamtvermögens definieren – wir würden uns genau überlegen, ob wir uns auf das Spiel einlassen. Seltsamerweise sind Spiele, die bei geringer Wahrscheinlichkeit einen extremen Ausgang nehmen, in der Finanzwelt nahezu überall in unterschiedlichen „Härtegraden“ zu finden.
Rausgeflogen: Unisys, einst „Shooting Star“ des Informationszeitalters, heute ein „Penny-Stock“. Der Titel wurde im November 2008 aus dem S&P 500 Index entfernt und durch die Finanzdienstleister-Holding People‘s United Financial Inc. ersetzt. Die „Buy & Hold“-Legende
Die Legende besagt, dass Aktienmärkte bei ausreichend leidensfähigem Sitzfleisch praktisch immer höhere Erträge bringen als risikoarme Anlageformen wie Staatsanleihen. Demnach muss man lediglich eine Sammlung von Aktien ins Depot legen und 10 oder 20 Jahre später wieder hervorholen, um einen satten Gewinn einzustreifen. In einer kurzen und millionenfach wiederholten Marketingaussage verkürzt: „Buy & Hold gewinnt bei Aktien auf Dauer immer.“ „Survival of the fittest“
Gehen solche Unternehmen schließlich dem Ende ihres Lebenszyklus als Marktführer entgegen, ist das für den zugehörigen Index weiter kein Problem, selbst dann nicht, wenn das Scheitern im Einzelfall so spektakulär und rasant ausfällt wie bei den einstigen US-Investmentbanken Bear Stearns oder Lehman. Sie werden ohne große Abschiedsfeier „delistet“, also aus dem Index entfernt. An ihre Stelle treten dann einfach jüngere, erfolgreichere oder auch ehemalige Index-Unternehmen, die es aus einer Flaute zurück an die Spitze geschafft haben. Indizes sind daher denkbar ungeeignet, um die Kursentwicklung der Gesamtheit aller Aktien zu beurteilen. Sie sind, um es überspitzt auszudrücken, vielmehr das Messinstrument für Wirtschaftsdarwinisten: Indices repräsentieren den Wert der jeweils fittesten Unternehmen ihrer Zeit. In der Finanzmarktforschung nennt man die solcherart entstandene Verzerrung „Survivorship-Bias“. Soll heißen: Nur die dauerhaft erfolgreichen Unternehmen haben Kontinuität im Index. Die Gescheiterten (oder nicht mehr so fitten) werden dagegen aus der Rechnung entfernt, was gut für die Performance eines Index ist. Kommen und Gehen im DAX
Sehen wir uns zur Verdeutlichung den Frankfurter DAX der 30 am höchsten kapitalisierten deutschen Aktiengesellschaften an. Von den ursprünglichen Indexwerten des Jahres 1988 sind Anfang 2009 gerade mal 16 übrig – würde man durch Übernahmen und Fusionen veränderte Unternehmen wie Daimler Chrysler zusätzlich abzählen, wären es gar nur 13. Allein 2008 wurden drei der 30 Indexplätze oder 1/10 davon neu vergeben. Das Bergbauunternehmen K+S löste den angeschlagenen TUI Mischkonzern ab. Hypo Real Estate wurde durch Salzgitter und der Reifenhersteller Continental durch den krisenfesteren Markenartikler Beiersdorf ersetzt (Wundpflaster schlägt Autoreifen). Dabei ist der DAX mit schlanken 21 Jahren einer der jüngeren etablierten Indizes. Beim Dinosaurier Dow Jones Industrial Average blieb seit seiner Erstpublikation im 1896 gerade mal eine Aktie (General Electric) bis heute im Index und im S&P 500 wurden seit dem Jahr 2000 rund 290 Umgruppierungen vorgenommen – allein 2008 flogen 37 Titel aus dem Index. Langzeitrenditen im S&P 500
Ob sich die Buy & Hold-Legende in der Vergangenheit wenigstens bei dem geforderten streng indexorientierten Kaufverhalten erfüllt hätte, sehen wir uns am Beispiel eines der großen, alten Indizes an: Der S&P 500 besteht in der heutigen Methodik seit 1957 – Daten, die durch Rückrechnung erzeugt wurden, liegen bis 1928 vor. Der Index ist der Spiegel von Erfolg und Misserfolg der 500 Schwergewichte unter den börsenotierten Unternehmen der USA und repräsentiert etwa 75 % der Gesamtkapitalisierung des US-Aktienmarktes.Wer sein Portfolio mit 1957 beginnend, laufend diesem Index angepasst hätte, konnte vor Spesen seither aus jedem investierten Dollar 15 und 75 Cents machen (per Ende Februar 2009). Über den Daumen hätte das einer jährlichen Verzinsung von etwa 5,4 % pro Jahr entsprochen. 20 Jahre S&P 500: Zwischen Sparbuch und Hauptgewinn
Im 20-Jahres-Fenster liegt die historische Bandbreite annualisierter Renditen zwischen 2,4 und 14,4 %. Immerhin – Kapitalverlust wäre bei diesem Anlagehorizont tatsächlich keiner aufgetreten. Wer das Glück hatte, im Oktober 1980 ein Paket aus S&P Aktien zu kaufen und über die Zeit bis 2000 nachzubilden, hätte den bisherigen Haupttreffer gelandet und sein Kapital (vor Spesen) nahezu verfünfzehnfacht. Das schlechteste Ergebnis brachte ein Einstieg im März 1962 mit einem Gesamtgewinn auf Sparbuchniveau bei lediglich rund 59 % für die gesamte Dauer. Per Ende Februar 2009 schließlich lag die in den vergangenen 20-Jahren erzielbare Rendite bei annualisierten 4,15 % oder 125 % absolut – das ist ziemlich dürftig gemessen am Risiko. Apropos Risiko: Wie sehen Aktien langfristig im Vergleich mit anderen, weniger schwankungsfreudigen Anlageformen aus? Aktien vs. Anleihen„Je jünger ein Anleger ist, desto höher sollte dessen Aktienquote in einem Anlageportfolio aus Aktien und Anleihen sein. “ Diese Faustregel wird regelmäßig wie eine verbriefte Wahrheit verkauft. Sie basiert ebenfalls auf der Annahme, dass man bei einem langfristigen Anlagehorizont mit Aktien mehr verdient als mit Anleihen.
Historische Über- bzw. Unterrenditen (jeweils annualisiert) im S&P 500 gegenüber US-Staatsanleihen bei Anlagehorizonten von 10 Jahren (dunkelblau) und 20 Jahren (hellblau). Lesebeispiel: In den letzten 20 Jahren (02/1989 bis 02/2009 - letzter Wert der „20-Y“-Kurve) hat der S&P 500 pro Jahr einen um 0,64 Prozentpunkte geringeren Ertrag geliefert als Staatsanleihen. Die Ergebnisse
Im Durchschnitt aller 551 10-Jahresfenster zwischen 1953 und 1999 zeigte das Aktieninvestment eine annualisierte Überrendite von 2,2 Prozentpunkten gegenüber den fiktiven zehnjährigen Staatsanleihen. Die höchste Outperformance wurde im Zeitraum Oktober 1990 - 2000 mit über zehn Prozentpunkten erzielt. Insgesamt lieferten etwas weniger als drei Viertel (73,5 %) aller möglichen Perioden von 120 Monaten bessere Aktien- als Anleihenrenditen. Oder anderes ausgedrückt: In der Vergangenheit verdiente der S&P 500 in knapp drei von vier Fällen mehr Geld als die Staatsanleihe. 20 Jahre: Nicht besser
Erstaunlicherweise sinkt die „Trefferquote“ bei einem Anlagehorizont von 20 Jahren noch – ein deutlicher Hinweis darauf, dass eine längere Behaltedauer die Chance auf Überrenditen nicht erhöht: Bei 20 Jahren „Buy & Hold“ waren nur noch rund 71 % der möglichen Aktienrenditen höher als jene der (fiktiven) Anleihe. Im Detail zeigen Aktien im historischen 20-Jahres-Fenster eine durchschnittliche annualisierte Outperformance von 1,8 Prozentpunkten. Das Maximum wäre hier bei einem punktgenauen Einstieg im Juni 1979 zu erzielen gewesen, womit man den vollen Bullenzyklus der 1990er mitgemacht und den Abstieg nach 2000 vermieden hätte (7,4 Prozentpunkte Risikoprämie gegenüber der Anleihe). Das schlechteste Ergebnis hätte bisher die Periode zwischen dem Dezember 1959 und 1979 erzielt (-1,9 % Underperformance annualisiert). Zwei „Total Return“-Indizes im Vergleich
Professionelle Anleger hätten gegen das für diesen historischen Vergleich verwendete Näherungsmodell aus S&P 500 und den fiktiven Anleihen erhebliche Bedenken: Sie würden etwa einwenden, dass kein vernunftbegabter Anleger niedrig verzinste Papiere bis zum Laufzeitende halten würde, wenn er in höher verzinste umsteigen könnte. Und auch noch weitere Faktoren in unserem simplen Vergleich verschaffen dem „konstruierten“ Buy & Hold-Aktionär möglicherweise einen Vorteil gegenüber dem Bond-Anleger, den es in der Realität nicht gegeben hätte – darunter etwa die Tatsache, dass es lange Strecken gab, in denen eine Reinvestition hoher Anleihenkupons deutlich mehr gebracht hätte als jene vergleichsweise schmaler Dividenden.
Wir sehen also eine Chance von rund 3/4 für eine höhere Aktien- als Anleihenrendite in allen bisher beobachteten 10-Jahresfenstern. Im Schnitt betrug die Risikoprämie 2,83 Prozentpunkte (= annualisierte Überrendite).
Über die gesamte Zeit von etwas mehr als 22 Jahren verrät freilich schon ein flüchtiger Blick auf den Chart, dass die Überrendite des durch den DAX repräsentierten Aktienportfolios durch ein extrem höheres Risiko erkauft wird: DAX und REX kommen auf der Werteachse am Ende ziemlich nahe beieinander an, der Aktienbesitzer durchlebte aber auf dem Weg dorthin lichte Höhen und tiefe Täler, während der Anleihenbesitzer im Vergleich dazu sanft nach oben glitt. Auf den Punkt gebracht: Die Gesamtrendite des DAX betrug 284 %, bzw. 6,6 % annualisiert bei einer annualisierten Volatilität (jährlichen Schwankungsbreite) von 22 %. Der Anleihenindex DAX bot eine Gesamtperformance von 262 %, was eine annualisierte Rendite von lediglich 30 Basispunkten unter dem DAX ergibt (6,3 %). Die Volatilität des REX war dagegen mit schmalen 3,3 % um ein Vielfaches geringer.
Aktuell hätte der Anleihenbesitzer, welcher vor zehn Jahren begonnen hätte, sein Portfolio nach dem REX Anleihenindex auszurichten, pro Jahr um über 7 Prozentpunkte besser abgeschnitten als der Aktienkäufer eines dem Aktienindex DAX folgenden Portfolios. Fazit: Investieren mit Verstand
Die Zahlen belegen, dass es sich beim Buy & Hold-Mythos um eine der vielen Faustregeln handelt, auf die ebensowenig Verlass ist wie auf andere. Sie traf zwar wenigstens für die beiden hier präsentierten Index nahen Investitionsstrategien in der Mehrzahl der historischen Betrachtungen zu, aber eben lediglich in etwa drei von vier Fällen. Wie wir schon am Truthahn-Gleichnis gesehen haben, eigenen sich derartige rückwärts gewandte Berechnungen nicht ohne weiteres für eine Beurteilung künftiger Chancen. Die ermittelten historischen Wahrscheinlichkeiten erlauben daher nicht einmal für die getesteten Märkte eine Prognose. Für die Schätzung von Ertragschancen auf anderen Märkten, für welche noch kürzere Kurshistorien vorliegen, sind unsere Berechnungen schon gar nicht geeignet.
1.) Buy & Hold am Aktienmarkt war immer ein Glückspiel. Wer in Aktien investiert, ist selbst bei langfristigen Anlagehorizonten und strikter Verfolgung eines Index nicht auf der „sicheren Seite“. Daher gilt für derartige Anlagen dasselbe wie für alle anderen Risiko-Assets: Begrenzen Sie Ihre Verluste durch diszipliniert umgesetzte Stops (bereits beim Kauf festgelegte Kursmarken, bei deren Unterschreitung man jedenfalls verkauft).
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